Gestern war eine Fahrradtour angesagt. Ok, das Wetter war jetzt nicht berauschend, aber es ging. So um die 10 Grad reichen ja. Mein neuer Mitpraktikant Henrik und ich haben uns halt die Fahrräder geschnappt und sind einfach mal drauf losgefahren. Mitten durch die Stadt mit dem Ziel Cerro – sprich dem Hügel innerhalb der Stadtgrenze von dort hat man einen ziemlich guten Blick. Fahrradwege existieren in Uruguay natürlich nicht, also muss man entweder auf der Strasse mitgondeln oder über den Bürgersteig, der allerdings nicht sehr fahrradfreundlich ist, ausweichen. Wir haben uns dabei für die Strasse entschieden und fuhren vorbei an mehr oder minder schönen Gebäuden (manchmal auch sehr schönen Bürgerhäusern) neben den stinkenden Bussen, den z.T. ziemlich alten Autos und den rücksichtslosen Motorradfahrern. Irgendwann machte dann die Eisenstange meines Sattels schlapp. Sie bog einfach (unter meinem Gewicht? ;-) ) nach hinten, als wäre sie aus Papier. Na klasse! Also mussten wir irgendwie eine Werkstatt auftreiben. Haben wir dann auch geschafft – allerdings war es eine Autowerkstatt, naja, man kann es ja mal versuchen. Der ältere Herr war sehr (sehr, sehr) freundlich, fragte uns woher wir kommen würden, richtete die Stange wieder und so plauschten wir mit ihm so ungefähr ne halbe Stunde. Dabei ging es dann um seinen Aufenthalt in Miami, Deutschland, Uruguay, die umliegenden Staaten hier in Südamerika, Korruption, unser Praktikum und Studium in Deutschland usw. Das war äusserst amüsant. Wir hielten ihn also mehr als eine halbe Stunde von der Arbeit ab und zum Dank nimmt er noch nicht mal Geld an und schenkt uns zu allem Überfluss noch einen grossen Stadtplan Montevideos, damit wir den Cerro besser finden würden. Wie liebenswert! Weiterhin meinte er, wir sollten uns vor den kleinen Bettlers-Kindern fernhalten – selbst die Uruguayos haben Respekt vor denen – sie wissen wohl warum… Also gings weiter und als wir dann in dem Stadtteil Cerro angelangt waren, war mir eher nicht mehr so wohl zumute. Wir, als vergleichsweise „reiche“ Europäer mit unseren Markenklamotten, Kameras, Rucksäcken (Achtung: perfekt zum Erkennen von Touris!) und weiss Gott nicht zerlumpten Kleidern fuhren vorbei an Favelas und durch ein Viertel, das ich so nach Dunkelheit nicht unbedingt betreten würde. Manche schauten uns etwas seltsam an, aber es passierte nichts. Aber wenn man solche Behausungen gesehen hat, dann wird man schon nachdenklich und vergegenwärtigt sich seiner tollen Situation im reichen Mitteleuropa aufs Neue. Hier „hausen“ also die Menschen, die mit ihren Pferdekarren durch die Strassen ziehen, um Brauchbares aus den Müllcontainern zu holen und dies dann zu verwerten. Ein bitteres Schicksal… Vor allem vor dem Hintergrund des aktuellen G8-Gipfels und der allgemeinen Hochkonjunktur der Weltwirtschaft.
Auf dem Rückweg ging es vorbei an einer chemischen Grossproduktionsanlage und dem Hafenbecken bis zur Rambla, wo wir uns teilten und dann nach Hause fuhren. Allerdings hörte uns ein Uruguayo offensichtlich auf Deutsch reden und so sprach er mich kurz danach an. Was ich denn hier machen würde und ob ich aus Deutschland sei, fragte er mich. So kamen wir ins Gespräch und ich erfuhr, dass seine Freundin aus Hamburg kommt und er auch schon ein paar Mal in Deutschland war. Das erklärt auch seinen sehr guten Deutschkenntnisse. Sonst sprachen wir noch ein bisschen über meine Eindrücke hier, die unterschiedlichen Kulturen, Berlin (er liebt diese Stadt – kann ich verstehn ;-) ) und auch ein bisschen über Privates. Dabei erzählte er mir,dass es eben schwierig mit ihrer Fern-Beziehung sei, denn er arbeitet hier für den Staat als Rechtsanwalt und sie hat eine gute Stelle in Frankfurt. Ausserdem hätte sie hier nicht so gute Chancen eine gleichwertige Arbeit zu finden, er müsste für Deutschland u.a. seine sichere Stelle aufgeben und im Moment bekommt er nur eine Aufenthaltsgenehmigung für 3 Monate. Alles sehr kompliziert, aber mit Fern-Beziehungen kenne ich mich ja aus ;-)
So quatschte ich auch mit ihm wieder eine gute halbe Stunde und kam irgendwann nach Hause , wo ich meinen Mitbewohner und seine (neue) Freundin schon in Sorge um mich vorfand, da die Gegend um den Cerro doch nicht sooo besonders sei… Hm, das habe ich leider auch gesehen :-(