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Letzten Sonntag 6:30 in der Früh. Wir wanken ziemlich betrunken von einem Club in der Innenstadt nach hause und kommen dabei an der grossen Hauptverkehrsstrasse 18 de Julio vorbei. Auch dort befindet sich offensichtlich ein Club und ein Typ steigt in irgend so einen abgewrackten älteren Toyota und lässt die Reifen bei angezogener Handbremse ordentlich qualmen. Wir denken schon: „Alles klar, geiler Typ!“. Die Show war allerdings noch nicht vorbei. Nach gefühlten 5 Minuten Reifenverschleiss am Strassenrand (ich war ja sowas von beeindruckt
!!!) merkte er offensichtlich, dass die meisten eher gelangweilt waren und zischte ab. 100 m geradeaus, dann links an der ersten Kreuzung rein und weiter gehts… Nur leider …..
… leider war er mit bestimmt 70-80 km/h um die Kurve gebraust, wurde wegen der Fliehkräfte etwas „rausgetragen“ und knallte in vollem Tempo gegen den herumstehenden Müllcontainer. Wie im Film!!! Da konnte man mal richtig feixen. Der Typ natürlich weiterhin unbeeindruckt, setzt kurz zurück und fährt einafch weiter
. Klasse Bursche! Er hatte bei seiner (unabsichtlichen) Aktion einige Zuschauer, verursachte eine ordentliche Beule im Container und bestimmt auch so einige Kratzer an seiner Karre und wir hatten einen denkwürdigen Abschluss unseres Tages…
gibts auch diesen Monat wieder in der Cinemateca. Nachdem wir schon den aktuellen Gewinner der Goldenen Palme von Cannes „The wind that shakes the barley“ sahen, folgten jetzt Orson Welles’ „Touch of evil“ von 1958 (grossartig diese Kameraführung – Nebenrolle von Marlene Dietrich) und die frühen Klassiker von meinem Lieblingsregisseur Stanley Kubrick, z.b. „Path of Glory“ – sein grosser Durchbruch von ‘57. In den nächsten Tagen folgen dann Kubrick’s Meilensteine Spartacus, Dr.Seltsam, 2001 – Odyssee im Weltraum, Uhrwerk Orange, Barry Lindon, Shining, Full Metal Jacket und Eyes Wide Shut – was für ein Fest für mich! Der absolute Leckerbissen der letzten Tage war aber ohne Zweifel eine Version von Emil und die Detektive. 1931 gedreht, mit bestimmt tollen Special-Effects für die damalige Zeit und einem Humor, der u.a. von den klasse Dialogen kam. Man kann das nicht beschreiben, aber es ist schon sehr surreal einen deutschen Film von 1931 76 Jahre später in Uruguay auf deutsch mit spanischen Untertiteln zu sehen und dort zu lesen: „Dale fuerte, Emil!“ – soviel wie „Gib’s ihm richtig!“ oder ein ein Zitat von Pony Hütchen: Ein Mädchen gehört um diese Zeit in die Klappe, was wohl damals das Wort für Bett war…
Hier lernt man noch was, hehe.
Gestern war eine Fahrradtour angesagt. Ok, das Wetter war jetzt nicht berauschend, aber es ging. So um die 10 Grad reichen ja. Mein neuer Mitpraktikant Henrik und ich haben uns halt die Fahrräder geschnappt und sind einfach mal drauf losgefahren. Mitten durch die Stadt mit dem Ziel Cerro – sprich dem Hügel innerhalb der Stadtgrenze von dort hat man einen ziemlich guten Blick. Fahrradwege existieren in Uruguay natürlich nicht, also muss man entweder auf der Strasse mitgondeln oder über den Bürgersteig, der allerdings nicht sehr fahrradfreundlich ist, ausweichen. Wir haben uns dabei für die Strasse entschieden und fuhren vorbei an mehr oder minder schönen Gebäuden (manchmal auch sehr schönen Bürgerhäusern) neben den stinkenden Bussen, den z.T. ziemlich alten Autos und den rücksichtslosen Motorradfahrern. Irgendwann machte dann die Eisenstange meines Sattels schlapp. Sie bog einfach (unter meinem Gewicht?
) nach hinten, als wäre sie aus Papier. Na klasse! Also mussten wir irgendwie eine Werkstatt auftreiben. Haben wir dann auch geschafft – allerdings war es eine Autowerkstatt, naja, man kann es ja mal versuchen. Der ältere Herr war sehr (sehr, sehr) freundlich, fragte uns woher wir kommen würden, richtete die Stange wieder und so plauschten wir mit ihm so ungefähr ne halbe Stunde. Dabei ging es dann um seinen Aufenthalt in Miami, Deutschland, Uruguay, die umliegenden Staaten hier in Südamerika, Korruption, unser Praktikum und Studium in Deutschland usw. Das war äusserst amüsant. Wir hielten ihn also mehr als eine halbe Stunde von der Arbeit ab und zum Dank nimmt er noch nicht mal Geld an und schenkt uns zu allem Überfluss noch einen grossen Stadtplan Montevideos, damit wir den Cerro besser finden würden. Wie liebenswert! Weiterhin meinte er, wir sollten uns vor den kleinen Bettlers-Kindern fernhalten – selbst die Uruguayos haben Respekt vor denen – sie wissen wohl warum… Also gings weiter und als wir dann in dem Stadtteil Cerro angelangt waren, war mir eher nicht mehr so wohl zumute. Wir, als vergleichsweise „reiche“ Europäer mit unseren Markenklamotten, Kameras, Rucksäcken (Achtung: perfekt zum Erkennen von Touris!) und weiss Gott nicht zerlumpten Kleidern fuhren vorbei an Favelas und durch ein Viertel, das ich so nach Dunkelheit nicht unbedingt betreten würde. Manche schauten uns etwas seltsam an, aber es passierte nichts. Aber wenn man solche Behausungen gesehen hat, dann wird man schon nachdenklich und vergegenwärtigt sich seiner tollen Situation im reichen Mitteleuropa aufs Neue. Hier „hausen“ also die Menschen, die mit ihren Pferdekarren durch die Strassen ziehen, um Brauchbares aus den Müllcontainern zu holen und dies dann zu verwerten. Ein bitteres Schicksal… Vor allem vor dem Hintergrund des aktuellen G8-Gipfels und der allgemeinen Hochkonjunktur der Weltwirtschaft.
Auf dem Rückweg ging es vorbei an einer chemischen Grossproduktionsanlage und dem Hafenbecken bis zur Rambla, wo wir uns teilten und dann nach Hause fuhren. Allerdings hörte uns ein Uruguayo offensichtlich auf Deutsch reden und so sprach er mich kurz danach an. Was ich denn hier machen würde und ob ich aus Deutschland sei, fragte er mich. So kamen wir ins Gespräch und ich erfuhr, dass seine Freundin aus Hamburg kommt und er auch schon ein paar Mal in Deutschland war. Das erklärt auch seinen sehr guten Deutschkenntnisse. Sonst sprachen wir noch ein bisschen über meine Eindrücke hier, die unterschiedlichen Kulturen, Berlin (er liebt diese Stadt – kann ich verstehn
) und auch ein bisschen über Privates. Dabei erzählte er mir,dass es eben schwierig mit ihrer Fern-Beziehung sei, denn er arbeitet hier für den Staat als Rechtsanwalt und sie hat eine gute Stelle in Frankfurt. Ausserdem hätte sie hier nicht so gute Chancen eine gleichwertige Arbeit zu finden, er müsste für Deutschland u.a. seine sichere Stelle aufgeben und im Moment bekommt er nur eine Aufenthaltsgenehmigung für 3 Monate. Alles sehr kompliziert, aber mit Fern-Beziehungen kenne ich mich ja aus ![]()
So quatschte ich auch mit ihm wieder eine gute halbe Stunde und kam irgendwann nach Hause , wo ich meinen Mitbewohner und seine (neue) Freundin schon in Sorge um mich vorfand, da die Gegend um den Cerro doch nicht sooo besonders sei… Hm, das habe ich leider auch gesehen
ist ein wirklich netter und sehr umgänglicher Typ. So haben wir schon einiges zusammen gemacht, z.B. einen Tagesausflug zum Wandern 1 Stunde außerhalb Montevideos, wir gingen in ne Kneipe, zum Fußball oder ins Kino, führten studenlange Gespräche über alles mögliche oder er erklärt mir einfach nur das alltägliche Chaos hier, das in Montevideo zu bewältigen ist. Trotz seiner 35 Jahre ist er noch sehr jugendlich, ja manchmal fast kindlich geblieben. Wenn man ihm gegenüber steht oder mit ihm redet, hat man eher den Eindruck er wäre Mitte/ Ende 20. Manchmal sitzt er nach Feierabend stundenlang mit seiner Gitarre im Wohnzimmer und übt einen Song ein oder spielt verschiedene andere einfach so. Natürlich hat er noch keine Kinder und ich habe den Eindruck, dass er sich im Moment damit auch überhaupt nicht beschäftigt. Mal ganz abgesehen davon, dass er als Single auch so ganz gut durchs Leben zu schreiten scheint. Nun gut, manchmal würde ihm eine Frau im Leben schon ganz gut tun, aber er überlebt ja… Zumindest unsere ehemalige Mitbewohnerin Susanne schien sich manchmal an seiner Planlosigkeit etwas zu stören. So war es wohl vor meiner Ankunft so, dass er gar kein Bügeleisen oder keinen Kleiderschrank für uns Mitbewohner in seiner Wohnung hatte. Das konnte sie in ihrer Zeit aber zum Glück heraushandeln
. Aber wir haben immernoch keine ordentliche Couch, sondern eher einen Sack der einfach unten auf dem Boden liegt, geschweige denn eine Waschmaschine oder einen Fernseher. Gerade ohne Waschmaschine ist es aber blöd, da wir immer ungefähr 2 € für eine Wäsche in einer Wäscherei zahlen müssen, die eher einem Verschlag mit angegliedertem Obstverkauf dient. Dort riecht es immer feucht-stickig,ein Hund flitzt rum und die Wäsche wird kalt gewaschen, alles wird ohne Rücksicht auf die Stoffe oder Verluste in einen Trockner reingehauen und dann passiert es, wenn man wie ich Pech hat, dass der Besitzer die Wäsche beim Einpacken wiederholt auf den Boden fallen lässt und sie danach nochmal gewaschen werden müsste, weil wieder Flecken drauf sind. Naja, man gewöhnt sich an alles!
Dafür haben wir hier eine Heizung, die sich gerade im Winter ganz gut macht und auch sonst kann man sich über die Wohnung nicht beklagen. Die Küche und das Bad sind in Ordung, auch wenn dort jeweils immernoch ein paar Sachen fehlen. Aber er wohnt ja auch erst seit 6 Monaten in der Wohnung und schafft sich das erst alles so nach und nach an. Ansonsten isses aber ganz ok in unserer Wohnung, auch wenn es manchmal ein bisschen langweilig ist, aber man kann sich ja immer eine ordentliche Beschäftigung suchen…
sie heißt: Cinemateca
Was heißt das nun genau? Nun, es handelt sich um sowas wie ein Programmkino. Es gibt in Montevideo 5 Säle in denen man internationale Filme sehen kann. Das kommt mir als Filmfan natürlich zugute
. Also bin ich gleich mal für die nächsten zwei Monate Mitglied geworden, was 156 Pesos uruguayos gekostet hat. Also weniger als 5 € für 2 Monate Kino! Jetzt kann ich mir im Monat jeweils 100 Filme anschauen… Ok, es ist nicht so super-bequem in den Kinos, aber es hat Flair! Bisher habe ich in Rahmen einer Hommage an Gérard Dépardieu einen französischen Film mit ihm gesehen (auf französisch mit spanischen Untertiteln) und am Dienstag einen Film von und mit Woody Allen (er kann so göttlich sein…) in Originalton wiederum mit spanischen Untertiteln. Ansonsten laufen hier solche Größen wie Martin Scorsese, Billy Wilder, Clint Eastwood, John Huston, Pedro Almodovar, Wim Wenders, Federico Fellini, Steven Soderbergh, Wong-Kar-Wei und andere mir absolut nicht bekannte Regisseure aus Indien, Iran, Argentinien. Man versteht alles super, ich habe Spaß und mache nebenbei noch Fortschritte mit der Sprache, traumhaft! Am Wochenende gehts in nen Marathon mit 4-5 Filmen und nächsten Monat probiere ich dann mal ein paar absolute Independent-Filme aus. Irgendwas aus Asien und solche Sachen. Kostet ja nichts…
schwieriges Thema, ich weiß! Aber ich muss sagen: so schlecht ist das uruguayische Bier gar nicht. Im Gegenteil! Es ist sogar ziemlich lecker. Wir brauchen natürlich nicht zu erwähnen wer diese Braukunst mal importiert hat, aber immerhin hat es sich auch noch nach über 100 Jahren konserviert. Ob’s nun die Marke Patricia, Pilsen oder Zillertal ist, alle sind wirklich schön süffig und auch nicht eklig im Abgang. Das passt schon. Nur eine Sache, die geht nun gar nicht! Wie kann man sowas in 1l – Botellas verticken? Was für ein seltsames Maß! Naja, stört aber nur minimal. Wichtig ist ja auf’m Platz äh der Inhalt.
Schock beim ersten Einkauf im Supermarkt um die Ecke. Was für ein Laden! So winzig und noch dazu stapeln sie alles mögliche in dieses Ding! Unglaublich! Ich also da rein… Logo, muss ja irgendwie, man will ja nich verhungern. ABER: Was sind das für Bezeichnungen? Frutilla? Durazno? Kenn ich net! Sieht zwar alles ganz nett aus, aber wie soll ich mich hier für die nächsten Monate ernähren? Und noch dazu 3…
1 Woche später:
Ich habe es geschafft! Man kann Sachen einkaufen, muss sich halt in seiner Ernährung etwas umstellen, aber das war nicht so schwer. Frutilla hat sich dann übrigens als das spanische Fresa (Erdbeere) herausgestellt und Durazno war halt Melocoton (Pfirsisch). Naja, dann nennen die hier in Südamerika ihre Lebensmittel eben ein bisschen anders. Wenns denn sein muss. Hauptsache is „rico“ – also lecker. Muss ja nicht immer alles deutsch sein. Obwohl, sie haben auch deutsche Produkte, z.B. Milka oder ein paar Biersorten. Das Obst ist sogar richtig günstig, dafür ist das Brot mal wieder nicht soooo überragend
. Wie vermisse ich mein geliebtes deutsches (Schwarz-)Brot – Nur noch 3 Monate und ich habe dich wieder – lechz!
Letztendlich ich das hier mein neuer Favoriten-Supermarkt geworden, auch wenn ich jedes Mal fast einen von den Erbstdosen-Türmen umschmeisse und auch sonst an der Fleisch- oder Käsetheke schief angeschaut werde wegen meines entweder zu ausländischen oder falschen Spanisch. Ich hoffe mal auf ersteres….Es ist eben alles noch ein bisschen geruhsamer und die Uhren ticken hier einfach noch nicht so schnell. Wie erholsam das sein kann!




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